Geschichten von Flucht und Neuanfang

v. links: Fulya Yilmaz, Mahnaz Medizadeh Jafar, Ariana Khalil, Jutta Fenske (Frauenzentrum), Hanne Battenhausen (Fachdienst Frauen und Chancengleichheit), Nuha Askar und Patricia Schildbach

Im Rahmen der Öffnet externen Link in neuem FensterInterkulturellen Wochen in der Wetterau trafen sich vierzig Frauen, um sich über Flucht und Ankommen auszutauschen. Sie folgten der Einladung des Fachdienstes Frauen und Chancengleichheit und des Frauenzentrums Wetterau. Vier Frauen aus Afghanistan, Syrien, Iran und  Deutschland berichteten von ihren Erfahrungen.

Es gehört viel Mut dazu, vor einem großen Publikum von sehr persönlichen Angelegenheiten zu reden. Arjana Khalil, Fulya Yilmaz, Mahnaz Medizadeh Jafari und Nuha Askar  nahmen die Herausforderung an und kamen mit den anwesenden Frauen schnell ins Gespräch. Unter der Gesprächsleitung von Patricia Schildbach  berichteten sie von Flucht und Ankommen, von Gefahr und Heimweh und dem Wunsch, ein starkes Mitglied der neuen Heimat zu sein.

Alle waren beeindruckt und berührt von der Kraft und Energie, mit der die Frauen ihr Schicksal in die Hand nehmen um in Deutschland Fuß zu fassen.

Mahnaz Jafari musste nach drei Jahren Haft wegen Protesten für mehr Demokratie acht Jahre auf eine Chance zur Ausreise warten. In dieser Zeit ist sie nicht frei, sondern muss sich regelmäßig bei der Polizei melden. Sie flieht mit ihrem Sohn. Nach einer Zeit der Ungewissheit kann ihr Mann ihr ein Jahr später folgen. Sie macht in Deutschland eine Ausbildung zur Krankenschwester und findet in diesem Beruf Arbeit. Heute arbeitet sie beim Deutschen Roten Kreuz in der Flüchtlingsbetreuung. Der Weg dorthin war nicht immer einfach. “Anfangs musste ich um jeden neuen Deutschkurs, jeden weiteren Schritt kämpfen. Es war viel Energie und Kraft nötig, meine Ziele zu erreichen“, berichtet sie.

Ariana Khalil floh vor 15 Jahren mit vier Kindern zu ihrer Familie nach Deutschland. Nach der einjährigen Flucht gelang es ihr, mittlerweile für ihre Kinder eine Zukunft aufzubauen. Drei studieren, eines macht demnächst Abitur, alle haben einen deutschen Pass. Sie selbst sucht nach der Erziehung ihrer Kinder nach einem Einstieg ins Berufsleben. In Deutschland hat sie den Hauptschulabschluss erreicht und in befristeten Jobs etwas Berufserfahrung gesammelt.

Nuha Askar ist erst seit etwas mehr als einem Jahr in Deutschland und noch mit dem Spracherwerb beschäftigt. Seit ihrer Jugend betätigt sie sich journalistisch und hat bereits Artikel in regionalen Zeitungen veröffentlicht. Sie teilt das Gefühl des Hin- und Hergerissen seins zwischen ihrer eigenen Kultur und den Bedingungen in der deutschen Gesellschaft. Wie auch Mahnaz Jafar und Ariana Khalil schätzt sie die Demokratie und die Möglichkeiten, die ihr in Deutschland offen stehen, ist aber natürlich mit der Kultur ihrer Heimat emotional verbunden. Sie zitiert aus ihren Artikeln, in denen sie sich an beide Seiten wendet. An die Deutschen, die Flüchtlinge nicht als Parasiten zu sehen, sondern als Menschen mit großem Potential wahrzunehmen, die die Gesellschaft bereichern können. „Wir wollen keine Krise sein“, stellt sie in ihren Ausführungen fest. Die Geflohenen fordert sie auf, sich selbst aktiv um ein Ankommen zu bemühen und Kontakt zur Aufnahmegesellschaft zu knüpfen.

Fulya Yilmaz ist Deutsche mit türkischen Wurzeln und hat selbst keine Migrationserfahrung. Als Tochter eingewanderter Eltern kennt sie die Probleme des Lebens in einem fremden Land jedoch sehr gut. Auch ihr ist die Zerrissenheit zwischen den Kulturen nicht unbekannt. „Ich habe mich lange Zeit gefragt, wo ich eigentlich hin gehöre, bis ich zu dem Schluss gekommen bin, dass wichtig ist wer ich bin, nicht ob ich mehr Deutsche oder mehr Türkin bin“, lautet ihr Fazit. Sie teilt mit den anderen Frauen und deren Kindern die Rolle als Sprachvermittlerin und kennt  viele Situationen und Gefühle, die an diesem Abend zur Sprache kamen, aus eigener Anschauung – trotz anderer Zuwanderungsgeschichte.

Trotz der unterschiedlichen Fluchthintergründe und Zeitpunkte gab es viele Gemeinsamkeiten. Hürden waren der Spracherwerb, die Anerkennung der Ausbildung und der Zugang zum Arbeitsmarkt. Trotz großer persönlicher Flexibilität und enormen Anstrengungen gelingt es nur schwer, dauerhaft Arbeit zu finden. In dieser Hinsicht gibt es heute für Flüchtlinge aus  bestimmten Herkunftsländern Unterstützung. Das war nicht immer so: „Ich will Eure Sozialhilfe nicht, ich brauche Arbeit“, hat eine der Frauen die Mitarbeiterin des Sozialamtes wissen lassen.

Gemeinsam bleibt die Anerkennung der Möglichkeiten, sich trotz aller Schwierigkeiten  in Deutschland zu entwickeln und ein neues Leben aufzubauen. „Allen Frauen gemeinsam ist der Wille, ihr Leben zu meistern und sie verdienen unseren Respekt und unsere Unterstützung auf dem Weg dahin. Dazu wollen wir mit solchen Veranstaltungen und durch die Vernetzung von Frauen untereinander beitragen“, sagt Kornelia Schäfer, Leiterin des Fachdienstes Frauen und Chancengleichheit des Wetteraukreises, „Ein Beispiel hierfür ist unsere langjährige Kooperation mit dem Frauenzentrum Wetterau in der Interkulturellen Woche.“

veröffentlicht am: 07. Oktober 2016