Fachtag zum Schutz vor häuslicher Gewalt in Flüchtlingsunterkünften

Um Schutz vor häuslicher Gewalt in Flüchtlingsunterkünften ging es beim gleichnamigen Fachtag

„Null Toleranz gegenüber häuslicher Gewalt, auch nicht in Flüchtlingsunterkünften“, forderte Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch in ihrem Grußwort. Der Fachtag Gewaltschutz in Flüchtlingsunterkünften war eine gemeinsame Veranstaltung von Fachdienst Frauen und Chancengleichheit, Fachstelle Migration, Fachdienst Jugendhilfe, Frauen-Notruf und Polizeidirektion Wetterau. Eingeladen waren Vertreter sozialer Einrichtungen, ehrenamtliche Betreuer, Sozialarbeiter/-innen.

Häusliche Gewalt, das ist psychische und physische Gewalt in ehelichen oder eheähnlichen Lebensgemeinschaften unabhängig von der Tatörtlichkeit. So definierte es Ruth Eismann, Opferschutzbeauftragte der Polizeidirektion Mittelhessen (dazu gehören die Kreise Marburg-Biedenkopf, Wetterau, Lahn-Dill und Gießen).

Mehr als 80 Prozent der Opfer sind Frauen, und mit ihnen auch die Kinder, die zumeist Zeugen der häuslichen Gewalt werden. Mehr als 80 Prozent der Täter sind Männer. Häusliche Gewalt spielt in unserer Gesellschaft eine weit größere Rolle als viele vermuten. 2015 wurden im Wetteraukreis 339 Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt. Von den 299 Tatverdächtigen waren 244 Männer und 55 Frauen. Genaue Zahlen zu nennen ist jedoch schwierig, denn die Dunkelziffer ist enorm hoch, weil sich die Opfer nicht trauen, gegen die Täter vorzugehen und viel Fälle von häuslicher Gewalt in den Kriminalstatistiken nicht explizit erfasst werden.

Beim Fachtag lag der Focus auf Gewaltschutz in Flüchtlingsunterkünften. Anders als im privaten Wohnumfeld, bekommen Mitarbeitende und Bewohner/-innen die Gewalt häufig mit und wissen dann nicht, was zu tun ist.

Die Täter sind oftmals selbst Opfer, haben Gewalt im Heimatland oder auf der Flucht erlebt, kommen aus patriarchalisch geprägten Gesellschaften, aus Ländern, in denen die Gewaltschwelle bei der Austragung von Konflikten niedriger ist. Die Opfer, zumeist Frauen, sprechen wenig oder kein Deutsch, kennen die Hilfen nicht, die ihnen zustehen. Der Täter ist meist aus der eigenen Familie, nicht selten der eigene Mann, ohne den seine Frau sich in einem fremden Land noch schutzloser fühlt. Hilfe zu holen könnte den Verlust des Aufenthaltsstatus nach sich ziehen. „Davor haben sie verständlicherweise Angst“, erläuterte Tatjana Pfeifer, Migrationsbeauftragte der Polizeidirektion Mittelhessen. Hinzu kommt die Scheu gegenüber der Polizei, der oft ein eigenes negatives Polizeibild aus dem Herkunftsland vorausgeht.

„Es ist wichtig, dass die Hilfsangebote, die es gibt und die Handlungsmöglichkeiten bekannter werden und auch von Migranten genutzt werden“, sagte Christa Mansky vom Frauen-Notruf in Nidda. Nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei Sozialarbeiter/-innen, den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Betreuern, und allen, die mit Migranten arbeiten. Dafür bot der Fachtag mit vielfältigem Infomaterial eine gute Gelegenheit.

Eine Ohrfeige ist keine Banalität, sondern eine Straftat

In vier Workshops wurde ein gleichlautendes Fallbeispiel unter einem jeweils anderen Gesichtspunkt beleuchtet: Prävention, Gewalt gegen Kinder, Hilfsangebote und Handlungsoptionen aus Sicht der Beratungsstellen und Polizei.

So war im Workshop der Polizei zu erfahren, dass eine Ohrfeige keine Banalität ist, sondern eine Straftat. Dass die Polizei im konkreten Fall immer gerufen werden könne und ein Satz wie: „Da hätten Sie nicht anrufen müssen“, nicht sein sollte. Die Polizei könne Täter und Opfer trennen, die Fachstelle Migration das Opfer oder den Täter in eine andere Einrichtung bringen. „Da sind wir eben auf das Netzwerk der verschiedenen Einrichtungen angewiesen“, sagte Ruth Eismann.

Besonders deutlich wurde auch die Notwendigkeit von geregelten Verfahrensabläufen und festgelegten Verantwortlichkeiten. Nur dann kann im Fall eines Verdachtes oder beim Vorfall einer Gewalttat schnell und angemessen reagiert werden.

Fazit: Vernetzung und Aufklärung

Das Resümee am Ende des Fachtages: Das Netzwerk der Träger, Einrichtungen, hauptamtlichen und ehrenamtlichen Betreuer und Sozialarbeiter sollte weiter geknüpft und gestärkt werden. Es bedarf noch mehr Aufklärung über die Grundrechte von Frauen, Männern und Kindern in der Bundesrepublik Deutschland. Jede Einrichtung sollte individuelle Ablaufpläne zum Umgang mit häuslicher und sexualisierter Gewalt  erarbeiten und alle Beschäftigten und Bewohner/-innen darüber informieren.

veröffentlicht am: 08. März 2017