Damit die Integration geflüchteter Frauen gelingt

Bettina Volz, WIR-Fallmanagerin im Gespräch mit Lidia Yohannes-Berhane

Sie besuchen seltener einen Integrationskurs und finden oft nur schwer einen Job: Weibliche Geflüchtete kommen in der Debatte wenig vor, dabei machen sie rund ein Drittel aller Geflüchteten aus. Beim Fachtag zum Thema „Integration geflüchteter Frauen: Teilhabe, Bildung und Arbeit“ wurden Strategien entwickelt, wie die Integration geflüchteter Frauen besser gelingen kann.

Während sich viele männliche Geflüchtete bereits langsam in Richtung Arbeitsmarkt orientieren, verfügen geflüchtete Frauen vergleichsweise oft über keine oder nur geringe Deutschkenntnisse. „Dabei sind Frauen diejenigen, die die nächste Generation prägen: Die Unterstützung geflüchteter Frauen ist eine Investition in die Zukunft“, sagte Stephanie Becker Bösch Sozialdezernentin und Erste Kreisbeigeordnete in ihrer Begrüßung zu Beginn des Fachtages, an dem knapp 100 Fachleute und ehrenamtlich Tätige aus der Wetterau und aus ganz Hessen teilnahmen.

Rund ein Drittel aller Geflüchteten sind weiblich

In ihrem Impulsvortrag stellte Dr. Susanne Worbs vom Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) neueste Zahlen und Forschungsergebnisse zur Zielgruppe vor:

Während 2015 der Anteil geflüchteter Frauen bei den Asylanträgen noch bei 30 Prozent lag, stieg dieser im ersten Halbjahr 2018 auf 42,5 Prozent. Hierbei fiel auf: Nach Deutschland geflüchtete Frauen sind im Schnitt sehr jung und stellen daher ein großes Potential für Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt dar.

Anhand statistischer Daten zeigte Dr. Worbs auf, dass die Zahl der AnalphabetInnen unter den geflüchteten Frauen höher ist als bei den Männern und ihnen häufiger der Schulbesuch fehlt. Gleichzeitig haben sie aber auch häufiger ein Studium abgeschlossen. Dies mache deutlich: Sobald Frauen einen Zugang zu Bildungseinrichtungen in ihrem Herkunftsland hätten, absolvierten sie ihren Bildungsweg mindestens genauso erfolgreich wie Männer.

Höhere Hürden – gleicher Erfolg

Ein roter Faden, der sich auch in Deutschland fortsetzt. Ein wesentlicher Erklärungsansatz für die geringere Beteiligung an Bildungsangeboten wie etwa Integrationskursen ist die Betreuungssituation von Kindern im Haushalt. Hinzu kommt, dass Frauen eine zentrale Rolle beim „Ankommen“ und bei der Alltagsbewältigung geflüchteter Familien in Deutschland spielen und sie deshalb ihre eigenen Bildungswünsche vielfach zurückstellen.

Geflüchtete Frauen schätzen weiterhin ihre deutschen Sprachkenntnisse schlechter ein als die der Männer, beginnen oft  später mit Integrationskursen und besuchen diese insgesamt seltener. Haben sie jedoch die Chance Kurse zu besuchen, beenden sie diese mit ähnlichem oder größerem Erfolg.

Auch die Beteiligung am Arbeitsmarkt ist geringer. So waren laut Bundesagentur für Arbeit Ende Dezember 2017 bundesweit rund 210.000 Menschen aus den wichtigsten Asylherkunftsländern in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Der Anteil der Frauen lag dabei bei 14 Prozent. Meist sind sie teilzeit- oder geringfügig beschäftigt und dies überwiegend in den Bereichen Reinigung, Gastronomie und Hotelgewerbe.

Flucht als Chance

Dass sich durch die Flucht auch Chancen für geflüchtete Frauen eröffnen, zeigte das Interview, das Bettina Volz, WIR-Fallmanagerin des Wetteraukreises mit Lidia Yohannes-Berhane, der zweiten Vorsitzenden des Vereins „Helping Hands“ aus Büdingen, führte. Lidia Yohannes-Berhane kam vor über fünfzehn Jahren aus Eritrea nach Deutschland und kennt viele der Probleme geflüchteter Frauen sowohl als Ehrenamtliche als auch aus eigener Erfahrung: „Die ersten sieben Jahre saß ich mit meinen Kindern fast nur zu Hause und kannte niemanden. Danach konnte ich endlich einen Deutschkurs besuchen, holte alle Schulabschlüsse nach und studiere nun Bauingenieurwesen.“ Die Geschichte der fünffachen Mutter zeigt, dass Integration auch schnell und erfolgreich gelingen kann – allerdings nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Vier Workshops und viele Empfehlungen

Unter welchen Bedingungen geflüchtete Frauen am gesellschaftlichen Leben teilhaben und Zugang zu Bildung und Arbeit finden können, wurde in den anschließenden vier Workshops zusammen mit ExpertInnen diskutiert. Die vier Workshops zu den Themen „Teilhabe“, „Bildung“, „Kinderbetreuung“ und „Arbeitsmarkt“ orientierten sich dabei an vorgestellten Good-Practice-Beispielen aus ganz Hessen.

Deutschkurse nur für Frauen und mit Kinderbetreuung. Deutschkurse unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus, das heißt auch für Frauen mit schlechter Bleibeperspektive. Dezentral (weil dann auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar) stattfindende Kurse ohne Mindestanzahl an Teilnehmerinnen. Förderung von Mentoren- und Patenschaftsprogrammen, aufsuchende Sozialarbeit und Jobcoaching: Das waren nur einige der Empfehlungen, die vom Fachtag ausgingen.

Der Fachtag war eine gemeinsame Veranstaltung von Fachdienst Frauen und Chancengleichheit, Bildungskoordination für Neuzugewanderte, WIR-Fallmanagement für Geflüchtete sowie einem Unterstützerkreis bestehend aus: Fachstelle Familienförderung, Integration Point Wetteraukreis, Jobcenter Wetterau, FAB gGmbH und RDW. Die Veranstalterinnen waren überaus zufrieden mit den Ergebnissen des Fachtages: „Wir haben es nicht nur geschafft Fachleute aus ganz unterschiedlichen Bereichen für das Thema zu gewinnen. Wir sehen die Veranstaltung als Auftakt, um die Lebenssituation geflüchteter Frauen in der Wetterau nachhaltig zu verbessern“, sagt Kornelia Schäfer, Leiterin des Fachdienstes Frauen und Chancengleichheit.

veröffentlicht am: 04. September 2018